Immer an der Wand lang: Glasfaserausbau ohne Etagenbohrung
Für die Installation von Cornings Cleartrack trägst Du links und rechts eine Rolle für Kabel und Kabelkanal. (Foto: Andreas Sebayang / Handyhase)
- Cornings Cleartrack erlaubt eine Glasfaser-Verlegung, die kaum sichtbar ist.
- Bei einer Installation im Treppenhaus kann auf Bohrungen zwischen Etagen verzichtet werden.
- Es gibt aber noch Limitierungen, da nur zwei Kabelkanäle im Treppenhaus zugelassen sind.
Wenn es um den Ausbau auf der Netzebene 4 geht (NE4), also den Anschluss der Wohnungen an das Glasfasernetz, dann gibt es zahlreiche Ansätze, um das Glas bis in die Wohnung zu bekommen. Alle haben Vor- und Nachteile. So ist etwa das Bohren durch die Wohnungen von unten nach oben vorteilhaft, weil Du dann in der Regel Deinen Glasfaseranschluss gleich im Wohnzimmer haben kannst. Dafür musst Du aber daheim sein, wenn der Glasfasertrupp angetanzt kommt. Aufräumen und Umräumen inklusive.
Die andere beliebte Alternative ist der Bau im Treppenhaus, auch Flursteige genannt. Hier wird das Glasfaserkabel den Hausflur entlang hochgebaut und nur noch in Deine Wohnung hineineingebohrt, was etwas weniger Aufwand darstellt, dafür aber etwas höhere Brandschutzanforderungen hat. Das aber nur nebenbei.
Doch der Glasspezialist Corning, den Du vor allem von den ganzen Gorilla-Glas-Lösungen für Smartphones kennen dürftest, hat auf den Fiberdays 2026 in Frankfurt am Main einen Einblick und auch Ausblick auf eine Lösung gegeben, die ganz ohne Etagenbohrungen auskommt. Es muss nur noch vom Treppenhaus in Deine Wohnung gebohrt werden. Natürlich mit dem Nachteil, dass Dein Glasfaseranschluss im Eingangsbereich liegt und Du Dich um die interne Vernetzung selbst kümmern musst (NE5, Fiber to the Room und Alternativen). Von so einer Fiber-to-the-Room-Lösung von Huawei für den Selbsteinbau haben wir beispielsweise kürzlich berichtet.
Immer an der Wand lang in winzigen Plastikkabelkanälen
Cornings Cleartrack (PDF) genanntes Glasfaserkabelsystem besteht aus zwei Komponenten. Eine davon ist ein aufklebbarer Kabelkanal. Kabelkanal heißt hier aber nicht, dass etwa ein dickes Blech für Stromkabel aufgeklebt wird. Die meisten dürften bei Kabelkanal wohl eher an so etwas denken, was oben an der Decke hängt.
Stattdessen ist der Kabelkanal eigentlich nur ein Klebeband, in welchen Du ein Glasfaserkabel einlegen kannst. Und dieses Band ist kaum größer als ein Glasfaserkabel. Formal gilt es aber als Kabelkanal. Der ist samt Kabel aber so flexibel, dass er beispielsweise in den Ecken im Treppenhaus langgeführt werden kann und dann kaum jemandem auffallen würde. Auch farbliche Anpassungen sind möglich, um etwa alter Substanz gerechter zu werden. Der Nachteil ist aber, dass ein längeres Kabel verlegt werden muss, weil es spiralförmig dem Treppenhaus folgt.
Die Installation ist laut Corning trotzdem mit einem geringen Aufwand verbunden. Im Prinzip läufst Du mit zwei Rollen am Gürtel durch das Treppenhaus: eines für den Kabelkanal und eines für das Kabel selbst. Dazu kommt ein Gerät, das wie ein Rennauto aussieht. Damit wird die Faser in den Kanal gedrückt. Das geht auch mit dem Finger, aber nach einigen hundert Metern ist der wohl wund.
Hier werden keine Rennen gefahren, sondern Glasfaserkabel in die hier roten Kanäle gedrückt. (Foto: Andreas Sebayang / Handyhase)
Um in die Wohnung zu kommen, muss dann aber noch gebohrt werden. Dafür wird jeweils eine Faser aus dem Faserbündel entnommen, sprich abgeschnitten, und in einen Etagenverteiler gelegt. Von dort wird dann über einen Stecker eine einzelne Glasfaser in die Wohnung durch eine Bohrung geschickt.
Falls Du Dich fragst, was nun mit der einen Faser passiert, die noch im Kabel liegt: Die wird einfach mitgezogen und bleibt inaktiv im Bündel. Das ist einfacher als eine passgenaue Installation für jede Etage. Theoretisch kann sie auch als Reserve dienen.
Cornings Lösung ist diesbezüglich offenbar noch etwas Besonderes. Tatsächlich gab es einige Diskussionen auf den Fiberdays zu der Problematik. Hin und wieder wurde etwa bemängelt, dass es praktisch nur Blechlösungen auf dem Markt gibt (Corning ausgeschlossen). Es gibt also nur wenige bis, in bestimmten Situationen, gar keine Alternativen. Der Anbieter Folsgaard hat aber angekündigt, auch bald Kunststoffkabelkanäle anzubieten. Man sei kurz davor eine brandschutzgerechte Lösung zu entwickeln, die sonst auf Blech setzt.
Bei 24 Anschlüssen ist bei Corning Schluss
Denn die Cleartrack-Lösung von Corning hat einen klaren Nachteil: die Anzahl der Fasern, die durch das Haus gezogen werden dürfen. Rechtlich zulässig sind laut Corning nur zwei dieser winzigen Kabelkanäle in einem Treppenhaus. Und in jeden Kanal wird ein Kabel mit 12 Fasern integriert. Eine simple Rechnung zeigt dann schnell, dass allzu hohe Häuser oder Häuser mit vielen Parteien an einem Treppenhaus nur schwer über eine reine Flursteigelösung versorgt werden können.
Mit 24 Fasern ist bei angenommenen zwei Parteien pro Etage am Treppenhaus zwar erst bei 11 Stockwerken Schluss (plus Parterre/Erdgeschoss), aber sind schon drei Mietparteien auf einer Etage, kommst Du mit dem Kabel nur bis zur 7. Etage (inklusive Erdgeschoss).
Das ist bei Neubauten mitunter schon knapp, je nachdem, welche Traufhöhe eine Stadt erlaubt. In Berlin liegt die Traufhöhe beispielsweise in der Regel bei 22 Metern – genug für sechs bis sieben Geschosse, so das Land. Ist Dein Haus höher, wird es also problematisch. Dann braucht es gegebenenfalls eine Kombination verschiedener Aufstiegsansätze für die Glasfaser, etwa indem man weiter unten doch durch die Wohnungen von ohne nach unten bohrt.
Verdopplung ab 2027
Doch Corning hat auf den Fiberdays bereits verbesserte Glasfaserkabel in Aussicht gestellt. Ab 2027 sollen in ein Kabel nämlich 24 Fasern eingesetzt werden. So kommst Du zu Deinem Glasfaseranschluss auch dann über das Treppenhaus, wenn an diesem Treppenhaus 47 Parteien neben Dir zu finden sind.
Noch mehr wird dann allerdings schwierig. Technisch wäre etwa denkbar, Licht aus einer Faser abzuzwacken. Ähnlich macht das Huawei mit seiner Fibre-to-the-Room-Lösung. Denkbar ist etwa, dass Du das halbe Licht bekommst und Dein Nachbar ebenfalls eine Hälfte. Das Licht wird dann aber schwächer (Dämpfung) und Du teilst Dir die Bandbreite. Kann Dein Anbieter etwa ein GBit/s auf eine Faser schalten, dann bekommst Du nur 500 MBit/s, was aber für deutsche Verhältnisse noch sehr schnell ist.
Multi Core Fiber und Hollow Core Fiber
Weitere Ansätze wären, noch mehr Fasern in die Kabel zu integrieren oder auch ein kompletter Technikwechsel. Das japanische Unternehmen Fujikura gab etwa einen Ausblick auf neue Ansätze: MCF für Multi Core Fiber und HCF für Hollow Core Fibre. Bei ersterem werden vereinfacht formuliert vier Lichtkanäle in eine Faser integriert. Die eine einzelne Glasfaser wird also mehrgleisig. Wobei sie das gewissermaßen ohnehin schon ist, da Licht in beide Richtungen geschickt wird (senden / empfangen). Interessanterweise arbeitet auch Corning an der Technik, mit dem Ziel, sie in Rechenzentren einzusetzen.
HCF und MCF: Noch muss an der Technologie geforscht werden, ehe es zu einer breit nutzbaren Technik wird. (Foto: Andreas Sebayang / Handyhase)
HCF-Glasfaserkabel, auch Hohlkernfasern genannt, arbeiten hingegen mit einem leeren Kanal, durch den das Licht geschickt wird. Dadurch soll das Licht auch schneller sein, als wenn es durch Glas geschickt wird. Im Heimbereich dürfte das für Dich aber nur wenig Relevanz haben. Vorteil ist aber auch hier: mehr Lichtstrahlen durch dasselbe Kabel.
Beide Techniken sind technisch machbar, aber im Moment noch sehr teuer und komplex in der Handhabung, so Fujikura. Für MCF gibt es aber in den nächsten Jahren gute Chancen einer breiten kommerziellen Nutzung. Ob direkt bis zur Wohnung oder eher davor (NE2/3), bleibt aber abzuwarten. HCF ist hingegen nach der Einschätzung von Fujikura noch weit von einem flächendeckenden Einsatz entfernt. Dafür hat die Technik aber ein enormes Potenzial für Bandbreite und Latenzen auf sehr große Entfernungen.
Es zeigt sich aber: Glas ist nicht Glas und die Technik entwickelt sich weiter.
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