Ein erster Blick auf das Jolla Phone: Eine Alternative zu Google und Apple
Handyhase ist auch in diesem Jahr auf dem Mobile World Congress in Barcelona mit gleich sechs Hasen vertreten. Live-Berichte, News und Geräte-Neuheiten liest Du auf unserer MWC-Infoseite nach.
- Jollas neues Smartphone ist bereits so beliebt, dass die erste Charge ausverkauft ist.
- Das Smartphone kann gänzlich ohne US-Dienste betrieben werden.
- Auch die Endfertigung findet in Europa, nahe Helsinki, statt.
Das Jolla Phone als heiß begehrter Neuling 2026
Jolla bringt in diesem Jahr ein neues Smartphone auf den Markt: das 2026er Jolla Phone. Das finnische Unternehmen ist dabei kein Neuling auf dem Markt. Im Gegenteil, denn das 2011 gegründete Unternehmen hat seine Wurzeln in Nokia vor der Microsoft-Übernahme im Jahr 2013. Die Übernahme sorgte dafür, dass die einstige Handy-Größe in die Bedeutungslosigkeit im Smartphone-Geschäft abrutschte, während die originale Nokia als Mobilfunkausrüster überlebte.
Doch Jolla hat sich selbst zum Ziel gesetzt, das Erbe von Nokia weiterzuführen, zu dem auch mal das Smartphone-Betriebssystem MeeGo dazugehörte, ehe sich Nokia für Windows Phone entschied. MeeGo, das der Autor dieser Zeilen selbst im Jahr 2011 ausprobieren konnte, zeigte damals viel gutes Potenzial und war erstaunlich fix in der Bedienung. Jetzt, 15 Jahre später, könnte es ein Revival geben, denn Jolla will mit dem neuen Smartphone einiges besser machen und Sailfish OS, dem geistigen Nachfolger von MeeGo, in der Version 5 installieren.
Jolla: eigenes Smartphone-Design
Dazu gehört erstmals ein eigenes Smartphone-Design. Zuvor hat sich Jolla vor allem um das Linux-basierte Mobilbetriebssystem Sailfish OS gekümmert. Die Handys waren hingegen Whitelabel-Produkte. So nennt man Geräte, die von einem anderen Hersteller gebaut werden und dann unter verschiedenen Marken – eben auch Jolla – verkauft werden.
2026 hingegen kommt ein eigenes Smartphone-Design auf den Markt. Sogar die Endfertigung übernimmt Jolla selbst. In Salo, rund 100 km von der finnischen Hauptstadt Helsinki entfernt, werden die Handys zusammengesetzt, mit der Software bespielt und schließlich einer Qualitätskontrolle unterzogen. Viel weiter kann man mit einem europäischen IT-Produkt kaum gehen, denn der Arbeitsspeicher stammt etwa aus Südkorea und der Hauptprozessor aus Taiwan. Da gibt es aber ohnehin nicht sonderlich viel Auswahl auf dem Weltmarkt.
@handyhase Dieses Smartphone setzt komplett auf Privatsphäre 🔐📱 Kein Google, kein Tracking – aber trotzdem mit Play Store? 🤯 Und JA… der Akku ist einfach wechselbar 🔋 #mwc2026 #jollaphone #technews #techtok #smartphonenews
Erste Charge ausverkauft? Wann bekomme ich ein Jolla-Phone?
Für Jolla läuft es aktuell besser als gedacht. Auf dem Mobile World Congress sagte uns das Unternehmen, dass die ersten 10.000 Geräte schon weg sind. Die sind alle vorbestellt und sollen im Juni 2026 ausgeliefert werden. Das ist ein ziemlicher Vertrauensbonus der Kundschaft, schließlich ist das Gerät noch nicht fertig. Mittlerweile wird laut Jolla die zweite Charge vorbereitet. Wer jetzt bestellt, muss aber voraussichtlich bis September 2026 warten.
Daran merkt man, dass das Projekt recht klein ist. Jolla hat einfach nicht die finanziellen Kapazitäten, um eine Fertigung für Millionen von Smartphones aufzubauen. Aber Erfolg braucht offenbar keine allzu hohen Zahlen.
Kann das Jolla Phone Google-Apps des Play Store nutzen?
Was Du Dich vielleicht bei alternativen Betriebssystemen öfter fragen wirst: Gibt es eigentlich Apps auf dem Jolla Phone? Grob gesagt, ja. Denn Jolla geht den selben Weg wie Huawei mit seinem Harmony OS, welches offiziell auch keinen direkten Zugriff auf Apps im Play Store von Google hat. Doch das Open-Source-Projekt Aurora löst das Problem fast immer. Falls Dich interessiert, wie gut Aurora aktuell funktioniert: Wir haben uns das erst vor wenigen Wochen auf Huaweis Mate X7 angeschaut und konnten keine Schwachstellen in unserem Nutzungsprofil erkennen. Es ist also ein kleiner Lesetipp.
Aber der Einfachheit halber: Der Aurora-Store verbindet sich über eine Schnittstelle (auch API genannt) mit dem Play Store und lädt so die Apps herunter. In manchen Fällen brauchst Du dann noch die Google Services, die die MicroG-Services als Alternative stellen. Damit erzeugst Du zwar wieder eine Abhängigkeit von Google, aber selbst wenn Aurora mal versagen sollte: Dein Smartphone bleibt weiter nutzbar und da Aurora ein Open-Source-Projekt ist, gibt es viele Freiwillige, die das Projekt am Laufen halten sollten.
Für viele beliebte Apps ist das aber ein gangbarer Weg. Wie Jolla uns in Barcelona sagte, will man aber mit Software-Projekten zusammenarbeiten, damit diese auch im eigenen Store landen. Der Messenger Signal oder der Browser Vivaldi würden uns da einfallen, die wir beide gerne im Jolla Store sehen würden, da sie recht unabhängige Projekte sind. Vivaldi nutzt aber Googles Chromium-Engine für die Internetdarstellung.
Das neue Sailfish OS 5 soll Dir vor allem viel Privatsphäre geben. Jolla wird keine Hintergrunddaten durch die Welt verschicken, so das Versprechen, und ein Privacy Switch schaltet Kamera, Mikrofon und andere Sensoren ab. Das passiert in Software, Du kannst Dir also aussuchen, was Du mit dem Privacy Switch abschalten möchtest.
Hardware auf Mittelklasse-Niveau mit SD-Kartenschacht
Technisch setzt Jolla auf einen MediaTek Dimensity 7100 als System on a Chip (SoC). Der Chip ist recht neu und wird allgemein in der Mittelklasse positioniert. Vergleiche sind derzeit aber schwierig, da Sailfish OS bis zur Veröffentlichung des Jolla Phone noch optimiert werden muss. Betriebssysteme verhalten sich mitunter sehr unterschiedlich auf demselben Prozessor.
Dem SoC stehen entweder 8 oder 12 GB Arbeitsspeicher zur Seite. Beim Festspeicher gibt es hingegen nicht allzu viel. Entweder müssen Dir 128 oder 256 GB reichen. Jolla gibt an, auch unter der Speicherkrise zu leiden. Als kleiner Hersteller haben die Finnen da sicher nicht die besten Karten. Du kannst aber den Speicher um weitere 2 TB erweitern, denn das Jolla Phone gehört zu den wenigen mit einem MicroSD-Kartenschacht.
Beim Display setzt Jolla auf moderne OLED-Technik. Echtes Schwarz ist also beim 6,3-Zoll-Display mit dabei, das mit einer Pixeldichte von 390 PPI kommt. Es ist also ein scharfes Display.
Heutzutage selten geworden: Der Akku lässt sich einfach entnehmen. (Foto: Andreas Sebayang / Handyhase)
Selbstverständlich für Jolla ist der leicht wechselbare Akku mit 5.450 mAh, was wahrscheinlich einer Kapazität von rund 20 Wattstunden entspricht, also ordentlich ist. Es wird natürlich sehr spannend, ob Sailfish OS effizienter mit dem Akku umgehen kann als Android.
Die vollständigen technischen Daten findest Du auf der Jolla-Community-Webseite.
Systemprofis können sogar richtig tief ins System schauen
Eine Besonderheit des Jolla Phones ist der Root-Zugang. Vereinfacht formuliert erlaubt Dir Jolla so einen kompletten Zugang auf das Betriebssystem und sehr spezielle Kommandos, die Du in der Kommandozeile, auch CLI genannt, eingeben kannst. Linux- und BSD-Nutzer kennen das sehr gut. Auch MacOS-Nutzer kennen das als Terminal und unter Windows ist es die gute alte Eingabeaufforderung. Viele Namen für etwas, was Dir sehr viel Kontrolle über Dein Smartphone gibt, aber freilich auch die Möglichkeit, viel kaputtzumachen.
Aber keine Sorge: Auch um etwas kaputtzumachen, brauchst Du erweiterte Kenntnisse. Das passiert also nicht versehentlich.
Das Wichtigste ist hierbei: Du musst die CLI nicht nutzen. Es ist eine Option, mit der sich dafür auch schwierige Problemfälle in Betriebssystemen in der Regel reparieren lassen – entsprechende Erfahrung vorausgesetzt. Apple und Google geben Dir diese Möglichkeiten offiziell nicht auf ihren Smartphones. Zumindest bei Android-Smartphones ist das „rooten“ von Geräten aber hier und da doch verbreitet.
Ersteindruck: Eine erste Bewertung zum Jolla Phone
Jolla ist kein Neuling im Smartphone-Geschäft, belegt aber eine sehr kleine Nische. Jollas Smartphones sollen mehr Kontrolle an Dich zurückgeben und gleichzeitig die Abhängigkeit von US-Diensten reduzieren. In der aktuellen Zeit beruft man sich sehr gerne darauf, ein europäisches Projekt zu sein. Software und Fertigung stammen aus Europa. Aber freilich gibt es keine komplette Unabhängigkeit. Der Smartphone-Chip stammt etwa von MediaTek (Dimensity 7100), einem taiwanesischen Chip-Entwickler. Der Arbeitsspeicher (8 oder 12 GB) stammt von SK Hynix, einem südkoreanischen Halbleiterhersteller.
Wenn Du willst, kannst Du Google-Apps installieren. Du musst es aber nicht. Genauso wird Jolla Dein Smartphone auch nicht mit typischen Müll-Anwendungen vollstopfen, die Du vielleicht gar nicht haben willst: kein vorinstalliertes Facebook, LinkedIn oder WhatsApp. Nur wenn Du es wirklich willst, kannst Du die Apps installieren.
Noch ist das Jolla Phone aber einige Monate von dem Release entfernt. Bis dahin muss noch optimiert werden, denn die fertigen Prototypen hat Jolla erst kurz vor der Messe bekommen. Unter anderem soll die Oberfläche schneller werden. Dass Software in einer frühen Phase langsam ist, ist dabei nicht ungewöhnlich.
Ein sogenannter „Debug-Code“ zum Erkennen von Fehlern bremst viel aus und wenn dieser weg ist, dann sollte alles besser laufen. Auf dem MWC konnten wir sehen, dass Jolla hier noch einiges zu tun hat. Wir sind auf jeden Fall gespannt, wie es Mitte Juni aussehen wird, auch wenn Du vor September 2026 durch die ausverkaufte erste Charge erst einmal keine Chance haben wirst.
Was kostet das Jolla Phone?
Aktuell wird das Jolla Phone, dessen Charge im September 2026 ausgeliefert wird, für 649 Euro angeboten. Für 100 Euro mehr bekommst Du statt 8 gleich 12 GB Arbeitsspeicher und der Festspeicher verdoppelt sich von 128 auf 256 GB. Sonst gibt es keine Unterschiede.
Die Preise für das Zubehör, insbesondere dem Akku, stehen noch nicht fest. Das wird erst festgelegt, wenn der Veröffentlichungszeitraum des Jolla Phones näher rückt. Da sich die Rückseite entfernen lässt, ist hier weiteres Zubehör zu erwarten, auch wenn es noch keine konkreten Ankündigungen gibt.
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