Chips werden knapp

Google entzieht Huawei die Android-Lizenz: Ursache & Auswirkungen – Update: Jetzt auch Xiaomi in Gefahr?

Update: Xiaomi landet auf der Blacklist des US-Verteidigungsministeriums! Auswirkungen betreffen (vorerst) nur US-Investoren. Unterdessen bleibt es weiter offen, wann und ob Huawei und die Tochtermarken wieder Google-Dienste nutzen dürfen. Wir klären zudem auf, was es mit dem Lizenz-Entzug auf sich hat und warum Du als Besitzer eines (älteren) Huawei- oder Honor-Smartphones vorerst keine Angst zu haben brauchst.
Gogole entzieht Huawei die Lizenz für Android

Wie geht es jetzt mit Huawei und Android weiter? (Foto: handyhase.de / Logo: Google)

vom 15.01.2021: Die noch amtierende US-Administration unter US-Präsident Donald Trump setzt nun auch Xiaomi, den Flugzeughersteller Comac und sieben weitere chinesische Unternehmen auf die Blacklist des US-Verteidigungsministeriums, wie Reuters berichtet. Dies bedeutet zumindest derzeit nicht, dass Xiaomi dasselbe Schicksal wie Huawei ereilt, denn die Blacklist ist in erster Linie für US-Investoren wichtig. Diese müssen bis 11. November 2021 ihre Anteile an den Unternehmen auf dieser Blacklist veräußert haben. Besagte Liste umfasst chinesische Unternehmen, denen eine Beteiligung oder Zusammenarbeit mit dem chinesischen Militär unterstellt wird.
Für Dich als Smartphone-Nutzer wird sich daher vorerst nichts großartig ändern: Xiaomi kann weiterhin Chips und Software von US-Unternehmen beziehen, allerdings auch nur, solange der Smartphone-Hersteller nicht auf der Entity-List landet, welche den Handel chinesischer Unternehmen mit US-Firmen und US-Technologie komplett verbietet. Ob sich die Situation unter dem künftigen US-Präsident Joe Biden ändert, lässt sich derzeit nicht absehen.

Originalartikel vom 20.05.2019 – zuletzt aktualisiert am 15.01.2021:

Es ist schon länger bekannt, dass die amtierende US-amerikanische Administration um US-Präsident Donald Trump eine Art Kreuzzug gegen Huawei führt. Der aktuell traurige Höhepunkt des offensichtlichen Wirtschaftskriegs: Huawei und bis zu 70 Tochterfirmen sind auf einer „Blacklist“ gelandet. Kein US-amerikanisches Unternehmen darf mit den in der Blacklist geführten Unternehmen Handelsbeziehungen führen, es sei denn, sie sind von der US-Regierung abgesegnet.

Die Originalmeldung von Reuters kannst Du hier nachlesen, ein interessanter Hintergrundartikel zum (fragilen) Lizenzkonstrukt von Android selbst ist hier zu finden.

Daher ist es jetzt wichtig zu wissen, was dieser Schritt für die Zukunft bedeutet. Wir wollen für Dich ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Ist mein neu gekauftes Huawei-Smartphone jetzt nutzlos?

Nein, Dein neues Smartphone wird auch weiterhin wie gewohnt funktionieren, einschließlich aller Google-Apps und -Dienste sowie Google Play Protect. Wie das Android-Team selbst per Twitter bekräftigt, hat der Entzug der Lizenz nur auf neuere Geräte Auswirkungen, sprich auf ein Mate 30 Pro oder P40 (Pro).

Macht es noch Sinn, ein Huawei-Smartphone zu kaufen?

Natürlich, da wie schon erwähnt nur neuere Geräte von diesem Schritt betroffen sind. Ein Huawei P30 Pro wird auch in den kommenden Jahren noch problemlos funktionieren, vom Software-Aspekt her betrachtet.

Was passiert jetzt eigentlich mit den Updates?

Nur eines dürfte nach aktuellen Informationen nicht mehr passieren: Ein Update auf Android 11. Die monatlichen Sicherheitspatches von Google werden auch weiterhin für Huawei-Smartphones erscheinen, wie Huawei Deutschland mitteilt:

Huawei hat weltweit bedeutende Beiträge zur Entwicklung und zum Wachstum von Android geleistet. Wir haben als einer der globalen Key-Partner von Android eng mit ihrer Open Source Plattform gearbeitet, um ein Ecosystem zu entwickeln, von dem sowohl die Nutzer als auch die Industrie profitieren.

Huawei wird weiterhin Sicherheitsupdates und Services für alle bestehenden Huawei und Honor Smartphones sowie Tablets zur Verfügung stellen. Das betrifft verkaufte und lagerhaltige Geräte weltweit.

Wir werden weiter daran arbeiten ein sicheres und zukunftsfähiges Software-Ecosystem zu entwickeln, um die bestmögliche Nutzererfahrung weltweit zu bieten.

Dies gelte sowohl für bereits verkaufte als auch noch nicht verkaufte Geräte. Nur deswegen vom Kauf eines Huawei- oder Honor-Smartphones abzusehen, wäre daher töricht. Gute Smartphones bleiben es schließlich trotzdem. Jedoch bleibt gerade in Punkto Sicherheitsupdates offen, ob sie tatsächlich so regelmäßig erscheinen werden, wie von Anwendern erhofft. Immerhin handelt es sich bei diesen Sicherheitspatches um zum Teil Closed-Source-Software von Google und damit einen Bestandteil des faktischen US-Banns. Es wäre daher denkbar, dass Huawei diese Updates selbst entwickeln müsste, was eine enorme Verzögerung für das Ausliefern der Patches nach sich ziehen dürfte.

Zumindest haben diese Smartphones ein Update auf Android 10 inklusive EMUI 10 erhalten:

Die ersten Betaversionen konnten Besitzer eines Huawei P30 und P30 Pro seit Anfang August 2019 testen. Mitte November 2019 begann Huawei mit der Verteilung des finalen Updates auf Android 10 und EMUI 10 (via HuaweiBlog). Android 11 wird Huawei hingegen nicht mehr verteilen können, da die nötigen Anpassungen aufgrund des US-Handelsembargos zu groß sind.

Google hat zudem alle ehemals auf der Android-Website gelisteten Huawei-Smartphones entfernt. Gerade bei der Liste besonders empfehlenswerter Modelle trifft dies Huawei stark.

Wie sieht die Sache bei Honor aus?

Rein wirtschaftlich gesehen ist Honor eine komplett eigenständige Tochtermarke von Huawei, die nahezu frei in ihren strategischen Entscheidungen vom Mutterkonzern agiert. Da beide Unternehmen jedoch enge Wirtschaftsbeziehungen unterhalten und der Bann durch die US-Regierung auch für ganze 70 Tochterunternehmen gilt, ist auch Honor zwangsweise von dem Entzug der Androidlizenz betroffen.

Honor hat sein Produktangebot stark ausgeweitet und um Smartwatches, Fitnessbänder, Notebooks und einige Kategorien mehr ergänzt. Die Absatzzahlen haben laut dem Unternehmen die Erwartungen übertroffen, so dass die Marke auch weiterhin profitabel arbeitet. Und da aufgrund der „1+8+N“-Strategie immer das Handy den Nutzers („1“) den Schlüssel zu 8 verbundenen Geräteklassen (Notebook, Wareable, IoT…) darstellt, das durch zahlreiche Zusatz-Gadgets – auch anderer Hersteller – ergänzt werden soll („N“), wird Honor auch in Zukunft an der Herstellung von Smartphones festhalten, so das erklärte Ziel.

Diese Smartphones haben zumindest EMUI 10 inkl. Android 10 als offizielles Update erhalten:

Weitere Fragen rund um Android-Updates klärt Honor auf einer eigens eingerichteten Website zu dem Thema.

Wer ist noch alles betroffen?

Nach derzeitigem Wissensstand ist nur Huawei von dem US-Bann betroffen. Honor als nun nicht mehr zu Huawei gehörendes Unternehmen ist nicht von dem US-Bann betroffen und kann wie gewohnt Hardware und Software basierend auf US-Technologie einkaufen. Weitere Details zu diesem Coup erfährst Du in einem separaten Artikel.

Allerdings kann die Sache auf weitere Smartphone-Hersteller aus China ausgeweitet werden, zum Beispiel Xiaomi oder OnePlus und weitere Marken der BBK-Gruppe (Vivo, Oppo, Reno). Passiert ist dies aber noch nicht.

Droht Google neue Konkurrenz im Smartphone-Bereich?

Das ist noch offen. Fakt ist aber, dass Huawei seit einigen Jahren mit Hochdruck an einer Android-Alternative namens HarmonyOS arbeitet. Dieses Betriebssystem kann extrem vereinfacht gesagt als Android-Ableger bezeichnet werden, da es sich einige Kernkomponenten mit der Google-Plattform teilt. Dies ist auch dahingehend wichtig, dass HarmonyOS Binärkompatibel zu Android-Apps ist. Das heißt nichts anderes, dass Android-Apps prinzipiell auch mit HarmonyOS genutzt werden können, sofern sie nicht auf den Google Mobile Services (GMS) aufbauen. Offiziell vorgestellt wurde HarmonyOS im August 2019 auf der Huawei Developer Conference kurz HDC. Zum Einsatz kommen soll die Plattform künftig bei Smartphones, Tablets, Wearables, Fernseher, Smart Speakern und Fahrzeugen.

Huawei verspricht sich viel von der Entwicklung: HarmonyOS soll geringe Latenzzeiten haben, also schnell reagieren, sehr schlank sein und sich durch eine starke Sicherheit auszeichnen. Kern-Feature ist seine Eigenschaft als verteiltes Betriebssystem. Für den Nutzer könnten sich hier große Vorteile für das Arbeiten mit den Apps auf vielen Geräten ergeben.

Huawei sieht einen Vorteil für App-Entwickler, dass sie ihre Programme nur einmal schreiben und nicht an jedes Gerät anpassen müssen. HarmonyOS sei nicht nur ein Betriebssystem, sondern vielmehr eine komplette Open-Source-Plattform für App-Entwickler – inklusive Open-Source-Stiftung und Community.

Biblische Anleihen

Wie ein Antrag aus dem Deutschen Patent- und Markenamt enthüllt (via Cashys Blog), sollte das Betriebssystem anfangs ARK OS heißen. Dem Antrag sind auch erste Screenshots beigefügt, die einen Ausblick auf das Betriebssystem geben. Entgegen erster Berichte ist eine für den internationalen Markt vorgesehene Version auch Anfang 2021 nicht fertig für den Einsatz.

Fun Fact: Ark ist der englische Begriff für „Arche“. Offensichtlich legte Huawei viel Hoffnung auf Rettung in das eigene Betriebssystem.

So wird Huawei ARK OS wohl aussehen (Screenshots: Cashys Blog)

Unabhängig von den Entwicklungen rund um HarmonyOS will Huawei so lange wie möglich auf Android als Betriebssystem seiner Smartphones bleiben. Die Bedeutung des Google Play Store ist durch das Quasi-Monopol immens.

Wirkt sich das Fehlen der Google-Dienste negativ aus?

Das es Android-Smartphones ohne Google-Dienste schwer haben, zeigt die P40-Serie sehr gut. Obwohl das Huawei P40 und Huawei P40 Pro technisch top sind und auch die Kamera Test-Bestnoten bekommt, ist das Interesse an den Geräten schwindend gering, wie das Preisvergleichsportal Idealo in einer Untersuchung von Juni 2020 anhand von Preisentwicklung und Kaufverhalten herausgefunden hat. So sei das Interesse am Huawei P40 Pro trotz um bis zu 26% gefallener Preise gering: Das Huawei P30 Pro war im Vergleichszeitraum um den Faktor 6 beliebter gewesen. Am ehesten einen Eindruck von der schwindend geringen Nachfrage liefert diese Grafik:

Huawei P40 Pro Nachfrage
Regelrecht ernüchternd ist das Interesse am Huawei P40 Pro (Bild: Idealo)

Im Vergleich dazu war das Huawei P30 sogar noch gefragter: Mehr als 15 Mal so viele Suchanfragen gab es zum Vorgänger des Huawei P40 im Vergleichszeitraum. Sollte sich nicht bald etwas am Handelskrieg ändern, unter welchem Huawei derzeit zu leiden hat, war es das mit der Spitzenposition innerhalb der Smartphone-Hersteller.

Die Abhängigkeit von Google-Diensten

Größte Herausforderung war und ist nach wie vor das Nachbauen der Google Mobile Services, die bei Huawei logischerweise auf Huawei Mobile Services (HMS) hören. Dieses Framework stellt die wichtigsten Google-Schnittstellen von Android für Huawei-Smartphones und darauf installierte Apps bereit, ist aber kein Ersatz für GMS-abhängige Apps. Daher hat Huawei einige Google-Apps durch andere Alternativen ersetzt, zum Beispiel kommt TomTom anstelle von Google Maps als Karten-App zum Einsatz (via Reuters).

Das zwangsläufige Vorpreschen von Huawei hat unter anderem auch dazu geführt, dass sich weitere chinesische Hersteller wie Xiaomi, Oppo und Vivo offenbar zu einer Allianz verbunden haben, um ein Gegenstück zum Google Play Store auf die Beine zu bringen (via Reuters). Dadurch wären die chinesischen Hersteller deutlich unabhängiger vom Google-Android-Kosmos. Apps, Spiele, Videos und vieles mehr ließen sich so auch besser für den weltweiten Markt vertreiben. Anfangs soll die neue Plattform in Indien, Indonesien und Russland verfügbar sein. Für europäische Länder oder gar Deutschland liegen noch keine Pläne für einen Start vor.

Kommentar: Nicht auf den Falschen einschlagen!

Zum Abschluss wollen wir noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass der Schritt mit dem Lizenzentzug nicht von Google angestoßen wurde! Google ist ein US-Konzern und daher an US-Gesetze gebunden, die US-Präsident Donald Trump sehr stark mit präsidialen Dekreten in seine Richtung zu lenken versucht. Google hat durch die von Trump aufgesetzte Blacklist einfach keine andere Wahl und deswegen den Konzern hinter Android zu verteufeln, trifft genau den Falschen!

Vielmehr ist es der Handelskrieg, den US-Präsident Donald Trump gegen China angezettelt hat, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie hart Huawei von den Entwicklungen durch die US-Regierung tatsächlich getroffen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin hat Huawei in den vergangenen Monaten nicht nur seinen Vorrat an US-basierenden Komponenten wie Chips und Platinen stark erhöht, sondern auch ein alternatives Betriebssystem in der Entwicklung. Dass der Plan B jedenfalls dermaßen schnell zu einem Plan A werden könnte, hätte sicherlich niemand gedacht.

Profilbild von Stefan
Der Hardware-Hai Stefan hat seine Mobilfunk-Anfänge schon weit vor seinem Studium der Angewandten Informatik unternommen. Seitdem hat sich das Hobby zum Beruf gewandelt und während des Studiums erfolgte 2012 der Einstieg in die Blogger- & Redaktions-Welt.

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